Der Weg der Mutigen - Ein Gedicht
Der Weg der Mutigen
wir alle
wachsen
aus der dunkelheit
dem licht
entgegen
tragen unsere
blutrot brennenden
fackeln aus schmerz
von denen
die vor uns waren
zu jenen
die nach uns kommen werden
dieser weg
der den mutigen gehört
formt sich
aus licht und schatten
führt über giftig flüsternde
täler des zweifels
zu den scharfen felsen
von wut
durch die
wie leere runde schiffsbäuche
hallenden höhlen
von trauer
und angst
hinab
in die offenen wiesen
von warm umarmendem
vertrauen
in ruhig fliessende
geborgenheit
Als ich vor ein paar Wochen, auf dem Weg von Portugal in die Schweiz, vor einem Airbnb irgendwo in Frankreich den Mond betrachtete, habe ich ihn leise „Efeu“ flüstern hören. Eine Pflanze, die mich vor allem in meiner Kindheit begleitet hat. Aus ihr haben wir beim Spielen im Wald die lang gewachsenen Ranken mit einem Ruck von den Bäumen gezogen und uns Kronen gebastelt, mit denen ich mich immer wie eine wunderschöne Waldfee gefühlt habe. Und doch war da auch immer ein leiser Respekt vor dieser Pflanze. Ihr Wesen fühlte sich nicht nur lichtvoll, sondern auch düster an. Die dunklen Blätter mit den fast schon fluoreszierenden hellgrünen Linien schienen von etwas zu erzählen, das älter ist als der Mensch - etwas, das wie ein geheimnisvoller Nebel zwischen den Welten hängt und sich erstmal nicht ganz greifen und kognitiv verstehen lässt.
“Mir ist aufgefallen, dass ich mich noch nie auf tiefer Ebene mit dem Efeu verbunden habe und wollte das in den letzten Wochen, die ich in meiner alten Heimat, der Schweiz, verbracht habe, nachholen.”
Hier fand ich mich in den Wäldern meiner Kindheit wieder, die in mir vieles Schönes, aber auch Unangenehmes öffneten. Erinnerungen an tief nährende, aber auch schwierige Zeiten, an alte Verletzungen und noch nicht ganz verarbeitete Themen.
Es war schön zu sehen, dass der Efeu genau von diesem uralten Tanz von Licht und Schatten sprach. Davon, dass wir alle auf dem Weg der inneren Aufarbeitung sind. Dass es Mut braucht, diesen Weg bewusst zu gehen, und dass dieser Mut auch beschenkt wird. Nicht damit, dass man völlig frei von Ängsten, Sorgen und Schmerz wird, sondern mit einem ganz neuen Zugang zu sich selbst. Einem Zugang, der von tiefem Vertrauen, Geborgenheit und Halt geprägt ist - was eine ganz neue und tief erfüllende Nähe zu sich selbst und auch zum Leben bedeutet.
Und genau so ist es in der inneren Arbeit. Unser Schmerz verschwindet durch die innere Aufarbeitung nicht vollständig. Er wird zwar um ein Vielfaches weniger, aber vor allem wird unser Umgang damit ein anderer. Wir lernen, nicht mehr davonzulaufen, sondern uns zu stellen. Hin- anstatt wegzuschauen, uns dort zu öffnen, wo wir uns zuvor verschlossen haben. Wir werden weich, anstatt in unserer gewohnten Härte zu bleiben - was vielleicht das grösste Geschenk an uns selbst ist. Können wir doch durch dieses Weichwerden das Leben, andere und uns selbst erst wirklich an uns heranlassen und somit auch in Gänze erleben.
Das ist das vierte Gedicht, welches ich auf dieser Plattform veröffentlicht habe- jeden zweiten Sonntag wird ein neues dazukommen. Ich bin Selina und begleite Menschen zurück in Verbindung mit sich selbst und dem Leben. Meine Gedichte entstehen aus der tiefen intuitiven Verbindung zum Leben und der Freundschaft zur Erde, die mich seit Kindheit begleitet.
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Ich mochte diesen Beitrag sehr. Das Gedicht und den Text über das Efeu. Danke.
Lieben Dank für deine wunderschönen Gedichte und wertvollen Gedanken! ❤️
Ich habe das Gefühl, dass auch der Mut in Wellen mal präsenter und mal leiser ist - manchmal fühlt es sich an als würde er ganz verschwinden, aber ich denke, dass er unterschwellig doch eigentlich immer da ist, wenn man ihn einmal gefunden hat.
Vielleicht tanzt der Mut ja mit Licht und Schatten zusammen.